
"Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein." Oder auch "Hier bin ich Raucher, hier will ich rein!" Im alten Haus von Matta Heyne wird selbst der Überzeugteste Nichtraucher einmal schwach. Ist man erst einmal mit schildkrötenartig eingezogenem Kopf die Treppe hinauf geklettert, hat sich seinen Weg über die krummen und schiefen Dielen in den Miniaturwohnbereich gebahnt, lässt man sich auf das altrote Sofa sinken. Die erwartete Staubwolke, die das Alter des Möbelstücks nur noch theatralisch bestätigen würde, bleibt aus. Stattdessen fühlt man sich ein Jahrhundert zurück gesetzt, würde alles darum geben mit dem alten Plattenspieler an der Wand die großen, modernen Boxen die nach außen schallen zu übertönen und will fast istinktiv eine Zigarre rauchen.

Genau diesen Wunsch haben die drei Inhaber des 150 Jahre alten Hauses, Thomas Großheim, Lars Niggemann und Dr. Peter Vieregge auch verspürt. Sie haben gewagt, was viele als pure Unvernunft, die drei jedoch als puren Genusskauf ansehen. Das alte Haus wurde samt dem Lädchen im Untergeschoss erworben. Ein bisschen aufgeräumt, die Tabakvorräte wieder aufgestockt und schon konnte das "Raucherreservat" eröffnet werden.
Plausch mit dem Kunden
Ivonne Handelmann ist die neue "Matta Heyne" hinter der Verkaufstheke. Sie kann ihre Vorgängerin zwar nicht ersetzten, den Plausch mit den Kunden, das Fachgespräch über Zigarren von "Nicht- Raucher zu Raucher" beherrscht sie aber mindestens genauso gut.

Von diesem einmaligen Flair, dem "Rauchen als Erlebnis- Gedanken" hat sich auch Dr. Groob, der Chef der Denkmalbehörde NRW beeindrucken lassen. Ohne zu zögern, quasi außer Konkurrenz, war es ihm wichtig dem alten Haus mit der Denkmalplakette noch eine kleine Ehre zu erweisen. Bürgermeister Müller, selbst Nichtraucher aber unter solchen Umständen zu einer Ausnahme bereit, drehte fast schon feierlich die vier Schrauben durch die Plakette in die Hauswand. "Das ist einmalig" lautete sein Kommentar, als er Kopf einziehend aus der Haustür trat.
Die drei Inhaber wissen nicht nur eine gute Zigarre in ruhiger Atmosphäre zu schätzen sondern scheinen auch zu wissen, wie man richtig feiert. Schnell noch ein Vertrag mit Petrus unterschrieben, schließlich klopft der ein oder andere dank Zigarre und Co. etwas früher an die Himmelspforte, einen Getränkewagen aufgestellt und in der angrenzenden Pizzeria ein Schlemmerbuffet aufbauen lassen. Bis in den Abend feierten, lachten und rauchten die Fans und Freunde von Matta Heyne.
Quelle: Westfälische Rundschau
"Matta Heyne": Raucherasyl mit Historie
Von Barbara Allebrodt
Dicht gedrängt in einer Häuserzeile steht der winzige Bau in der Plettenberger Wilhelmstraße. Ein Relikt längst vergangener Tage. Das Haus von "Matta Heyne" mit dem kleinen Zigarrenladen im Erdgeschoss. Hier ist Geschichte lebendig, darum wurde das Objekt im März von Landschaftsverband Westfalen-Lippe als "Denkmal des Monats" ausgezeichnet. Drei junge Plettenberger haben das Haus gekauft und sorgen dafür, dass der Mythos "Matta Heyne" weiterlebt. Nebenbei bieten sie Rauchern in Zeiten zunehmender Reglementierung ein "Asyl".
Hier, in der Wilhelmstraße Nr. 33, handelte die Familie Heyne seit Anfang des 20. Jahrhunderts mit Tabakwaren. 1949 übernahm Matta - sauerländisch für "Martha" - den Laden. Hier saß sie - immer im blauen Perlonkittel - in ihrer kleinen Küche neben dem Verkaufsraum. Trank Kaffee und wartete auf Kundschaft. Nach ihrem Tod, 1999, führte Nichte Monika Baier-Heyne den Laden für einige Jahre weiter. Lars Niggemann (37), Thomas Großheim (41) und Dr. Peter Vieregge (41) zögerten nicht lange, als die alte Dame schließlich ihnen das historische Häuschen anbot, weil sie sich zurückziehen wollte. "Lily, die kleine Tochter von Peter Vieregge war gerade geboren, als das Angebot kam. Noch im Krankenhaus haben wir entschieden: Wir machen das jetzt", erzählt Lars Niggemann.
Im Sommer 2005 ließen sich die drei auf das ungewöhnliche Hobby ein. "Zuerst wollten wir einen Club aus dem Haus machen", so Niggemann. Doch die Auflagen der Stadt waren hoch und so wählten die drei einen anderen Weg. Hier waren immer Zigarren verkauft worden, und so sollte es auch bleiben: Drei Mal in der Woche ist der Laden für einige Stunden geöffnet. Yvonne Handelmann hat bereits unter Heyne-Nichte Monika hier als Aushilfe gearbeitet, jetzt schmeißt sie den Laden. Weil sich der bloße Zigarrenverkauf nicht mehr rentierte ist "Matta Heyne" zum "Spezialitätenhaus" geworden.

Neben Zigarren, Pfeifen, Tabak oder Zigaretten gibt es hier feine Whisky-Sorten und ausgefallenes wie Absinth. Doch die eigentliche Attraktionist das Haus, das inzwischen unter Denkmalschutz steht. Die Decken sind niedrig, die Räume winzig, die Treppen steil. Wer reinkommt, zieht automatisch den Kopf ein. In der Küche glaubt man, jeden Moment müsse "Matta" persönlich aus ihrem Lagerraum kommen. Die Tapeten mit einem fast unglaublichen Muster. Dort wo Matta immer gesessen hat ein riesiger Fleck an der Wand. "Da hat sie sich über Jahre immer angelehnt", sagt Lars Niggemann. Im ersten Stock drei winzige Räume, ein kleines Bad. Die Möbel hier stammen original von "Matta". Die Erbin hat alles im Haus gelassen. "Weil sie von unserer Idee begeistert war", so Niggemann. Im Wohnzimmerschrank geschliffene Gläser hinter einer polierten Scheibe, und bunt bemalte Schnapspinnchen. Ein großes altes Röhrenradio steht auf einem Tisch mit gedrechselten Beinen in der Ecke. Die Musik allerdings kommt aus einer modernen Anlage. Ein Museum - mitnichten.

"Unten ist der Laden und oben unsere Wohnung - und in der Wohnung dürfen wir machen, was wir wollen", sagt Lars Niggemann. Und meint damit vor allem eines: Rauchen. Setzt man sich in einen der rosa Sessel im "roten Salon" landet man fast auf dem Boden, so durchgesessen ist das gute Stück. Modern - und passend zur aktuellen politischen Situation sind die Aufkleber: "Raucherschutzgebiet" steht da in großen Lettern. Denn hierher, in den ersten Stock laden die drei Besitzer von “Matta Heyne² regelmäßig ein. "Der Verteiler umfasst inzwischen rund 150 Leute", sagt Lars Niggemann. "Wenn wir ein Event planen, schreiben wir alle an." Anlass kann eine Whisky-Verkostung sein - oder einfach nur ein gemütliches Zusammensein bei einer Zigarre. "Man lernt hier nette Menschen kennen2, sagt Reinhold Dole, 60-jähriger Versicherungsmakler, passionierter Pfeifenraucher und einer der Stammkunden. In Kneipen und Restaurants hat er es heute oft schwer. "In Restaurants kann ich das Rauchverbot ja verstehen, in Kneipen sehe ich das gar nicht ein. Wo nicht mehr geraucht werden darf, gehe ich einfach nicht mehr hin", sagt Dole. Drum kommt er immer gerne her. Ein Thema, über das man hier und heute
spricht: Joopi Heesters, der im Alter von 103 nach 90 Jahren das Rauchen aufgehört hat. Ein gewisses Unverständnis ist da herauszuhören. Herkommen darf aber auch, wer mit dem Rauchen längst aufgehört - oder erst gar nicht angefangen hat. So wie Sebastian Gärtner und Stefan Grote. Trotz schlechter Luft sind sie gern hier, um ein Pläuschchen zu halten, um Leute zu treffen.

"Ich find`s toll, dass so ein altes Haus von Plettenbergern erhalten wird, das muss man unterstützen", sagt Sebastian Gärtner. Ein altes Haus - und eine Institution. "Bei Matta konnte man sogar sonntags klopfen, die hat nie einen Kunden weggeschickt," erzählt Hartmut Gunkler. Und fährt fort mit einer der vielen Anekdoten, die man sich über Matta erzählt. "Einmal war ein Mann in ihrem Laden, der ewig brauchte, eine Pfeife auszusuchen. Dahinter stand ein weiterer Kunde, ein sehr großer Mann. Matta merkte, wie der langsam ungeduldig wurde und forderte ihn kurzerhand auf: Sie sind so schön groß, können sie mir nicht in der Zwischenzeit eben meine Gardinen aufhängen?" Greifbar wird die Geschichte des über hundertjährigen Rauchwarenladens vor allem im Dachgeschoss des Hauses. 2Matta war ein Kriegskind, die konnte nichts wegwerfen", erzählt Lars Niggemann. Darum stapeln sich unterm Dach Zigarrenschachteln aus fünf Jahrzehnten, die meisten noch gut gefüllt. "Wurde die Steuer erhöht, durften Zigarren mit dem alten Preis nur noch für eine Übergangszeit verkauft werden, dann mussten sie vernichtet werden." Matta hortete sie auf ihrem Speicher. Neben einem alten Überseecontainer, in dem ihr Vater den Tabak geliefert bekam, den er dann selber zu Zigarren verarbeitete. Mit einer Seilwinde außen am Haus, die ebenfalls erhalten ist, wurde der Koloss ins Dachgeschoss gehieft. Hier steht auch der Tisch, an dem Kurt Heyne Zigarren drehte, alte Formen sind erhalten, daneben ein Weihnachtsbaum aus Plastik mit roten Kugeln, den Matta wahrscheinlich im Winter als Dekoration benutzt hat - sie konnte eben nichts wegwerfen. Die neuen Besitzer kann das nur freuen. Sie haben so ein lebendiges Stück Geschichte, das es zu erhalten lohnt. Und mit ihrer Idee des Rauchclubs fügen sie ein Stück eigener Geschichte hinzu.
Quelle: Westfälische Rundschau
